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Jahresbericht 2011

Die Casa di Goethe im Jahr 2011

Im Vordergrund der Arbeit des römischen Goethe-Hauses stand im Jahr 2011 der Umbau der neu erworbenen Räumlichkeiten im zweiten Stock. Nachdem zahlreiche und zum Teil nicht vorhersehbare bürokratische Hindernisse im Zusammenhang mit dem Bauanzeigeverfahren bei der Comune di Roma überwunden werden konnten, wurde im Sommer mit den Umbauarbeiten begonnen, die trotz einer unerwartet schlechten Bausubstanz zügig voranschritten. Der Umbau hat die Aktivitäten in der Museumsetage zeitweise erschwert. Der laufende Museumsbetrieb konnte aber jederzeit aufrechterhalten werden, das Veranstaltungsprogramm musste jedoch vorübergehend reduziert werden. Die neuen Räume werden 2012 zum fünfzehnjährigen Bestehen der Casa di Goethe im Beisein von Kulturstaatsminister Bernd Neumann eröffnet. Wieder aufgenommen werden kann dann auch das Stipendienprogramm der Casa di Goethe, für das die Karin und Uwe Hollweg-Stiftung als Förderer gewonnen werden konnte.

Ausstellungen und begleitende Veranstaltungen

Die erste Wechselausstellung der Casa di Goethe im Jahr 2011 war dem Landschaftsmaler und Deutschrömer Johann Christian Reinhart anlässlich seines 250. Geburtstages gewidmet. Fast sechzig Jahre hat dieser wichtige Künstler der Goethe-Zeit in Rom verbracht, mehr als jeder andere Deutsch-Römer seiner Zeit. Kuratiert wurde die Ausstellung von Dieter Richter, der wie Reinhart aus Hof stammt und seinem Landsmann eine im Transit Verlag erschienene Monographie gewidmet hat: „Von Hof nach Rom. Johann Christian Reinhart. Ein deutscher Maler in Italien“. Das Reinhart-Kabinett aus Hof stellte Leihgaben zur Verfügung, ansonsten stammten alle Exponate aus römischen Sammlungen: der Bibliotheca Hertziana, dem Caffè Greco, der Accademia di San Luca – hier fand Richter ein bisher unbekanntes und verschollen geglaubtes Reinhart-Porträt – und der Casa di Goethe. Ein besonderer Höhepunkt waren die mit Hilfe der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Kulturstiftung der Länder und des BKM im Vorjahr erworbenen vier großformatigen Rom-Panoramen aus der Goethe-Zeit, die die Casa di Goethe erstmals ihrem Publikum zeigte. Diese Ausstellung mit dem Titel „Blicke auf Rom“, die von einem Vortrag von Elisabeth Kieven, Direktorin an der Bibliotheca Hertziana, zu den Rom-Panoramen begleitet wurde, brachte eine sehr positive Presseresonanz und stieß beim deutschen wie vor allem auch beim italienischen Publikum auf großes Interesse.

Daran schloss sich die gemeinsam mit dem Kupferstichkabinett der Akademie der bildenden Künste Wien erarbeitete Ausstellung zu Joseph Anton Koch in Rom an. Die von Cornelia Reiter kuratierte Ausstellung zeigte eine Auswahl an Zeichnungen aus dem in der Wiener Akademie aufbewahrten Nachlass des Künstlers, eines wichtigen Vertreters der klassizistischen Landschaftsmalerei. Koch war einer der zentralen Figuren der deutsch-römischen Künstlerkolonie und ist über sein Werk, aber auch über seine zahlreichen Nachfahren bis heute eng mit der Ewigen Stadt verbunden. Die Ausstellung war zunächst in Wien zu sehen, danach in der Casa di Goethe – die Botschafter von Österreich und Deutschland hatten hier gemeinsam die Schirmherrschaft übernommen – und wird 2012 abschließend im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt gezeigt. Auch hier konnte die Casa di Goethe eine bedeutende Neuerwerbung präsentieren, zwei Rom-Ansichten des Tiroler Künstlers, die die Ernst von Siemens Kunststiftung für das römische Goethe-Museum erworbenen hatte. Zur Ausstellung hat die Casa di Goethe einen zweisprachigen Katalog mit Beiträgen von Cornelia Reiter und Christian von Holst herausgegeben. Begleitet wurde die auf großes Interesse stoßende Ausstellung an den beiden ersten Orten von einem Symposium jeweils am Folgetag der Eröffnung.

Die höchst erfolgreiche Ausstellung „Piranesi, Rembrandt der Ruinen“ aus dem Sammlungsbestand der Casa di Goethe wurde zum Abschluss des Jahres noch einmal dem römischen Publikum gezeigt. Sehr gute besuchte Sonderführungen fanden im Dezember bei verlängerten Öffnungszeiten unter dem Motto „Donnerstags bei Goethe“ im Rahmen der Initiative der Comune di Roma „Roma Natale“ statt.

Anlässlich der zehnjährigen Zusammenarbeit zwischen der Casa di Goethe und der Comune di Malcesine zeigten wir im Sommer die ausschließlich aus eigenen Beständen bestückte Ausstellung „Römische Ansichten. Von Piranesis Rom des 18. Jahrhunderts bis zur Casa di Goethe heute“ mit Radierungen des bekannten Kupferstechers und Arbeiten des Kölner Fotografen Martin Claßen.

Unsere sehr erfolgreiche Michael Ende-Ausstellung konnte nach mehreren Stationen in Italien 2011 auch in Livorno gezeigt werden.

Kleist-Jahr

Einen Schwerpunkt der Arbeit der Casa di Goethe bildeten 2011 die Veranstaltungen anlässlich des 200. Todestages von Heinrich von Kleist, dem die Casa di Goethe zum Auftakt des Kleist-Jahres schon eine gemeinsam mit dem Kleist-Museum in Frankfurt/Oder erarbeitete Ausstellung gewidmet hatte. Zum Abschluß der Ausstellung fanden im Januar zwei Filmvorführungen zum Thema „Kleist im italienischen Kino“ im Goethe-Institut statt: Gezeigt wurden „Il principe di Homburg“ von Marco Bellocchio (1996) und „Il seme della discordia“ von Pappi Corsicato (2008).

Vanda Perretta kuratierte in Zusammenarbeit mit Ursula Bavaj, Camilla Miglio und Giovanni Sampaolo eine Reihe von insgesamt sieben Veranstaltungen unter dem Titel „Leggiamo Kleist insieme“. Die Idee war, im Kleist-Jahr 2011 nicht nur die Germanisten zu Wort kommen zu lassen, sondern Wissenschaftler und Vertreter unterschiedlichster Fachrichtungen einzuladen und mit ihnen die Aktualität des Werks von Heinrich von Kleist zu diskutieren. Eine Idee, die sich bewährt hat und auf große Begeisterung beim Publikum gestoßen ist. Ein breites Panorama: Die Filmregisseure Marco Bellocchio und Roberto Giannarelli setzen sich mit „Michael Kohlhaas“ und der Idee der Gerechtigkeit auseinander, der Soziologe Giovanni Ragone und die Medienwissenschaftlerin Donatella Capaldi reflektierten über Katastrophen in Kleists Erzählungen, der Altphilologe Roberto Nicolai stellte die „Penthelisea“ als archaisches und romantisches Epos vor, der Kunsthistoriker Claudio Zambianchi beschäftigte sich mit Kleists´ Schrift über das Marionettentheater und die Journalistin Vanna Vannuccini sich mit den „Berliner Abendblättern“ und der journalistischen Tätigkeit des Dichters, die Philosophin Simona Landolfi untersuchte den Fall der "Marquise v. O." Den Abschluss bildete ein literarisches Spiel: Pier Carlo Bontempelli und Ursula Bavaj lasen aus Originalbriefen von Kleist an seine Verlobte Wilhelmine von Zenge und aus deren Antwortbriefen, aus letzteren aber in einer Version von Studentinnen der Universität La Sapienza, die versuchten, sich in die Zeit und Wilhelmine hinversetzend, ihre nicht erhaltenen Briefe neu zu schreiben: ein vergnüglicher und beeindruckender Abschluss einer sehr gelungenen Veranstaltungsreihe.

Die Germanisten und Literaturwissenschaftler kamen natürlich auch zu Wort: Der ungarische Essayist und Kleist-Forscher László Földényi las aus seinem noch unveröffentlichten Buchmanuskript „Kleist und sein Tod“ und diskutierte darüber mit Ursula Bavaj. Anna Maria Carpi, Renata Colorni und Luigi Reitani stellten zum Abschluss des Kleist-Jahres die bei Mondadori erschienene neue Kleist-Gesamtausgabe vor.

Lesungen, Vorträge, Seminare

In der Casa di Goethe fanden auch 2011 zahlreiche Lesungen statt: Im Frühjahr waren traditionsgemäß die Schriftsteller-Stipendiaten der Villa Massimo zu Gast, Lutz Seiler und Jan Wagner. Zum Auftakt des Kolloquiums „Annette von Droste-Hülshoff und Italien“, durchgeführt von der Università degli Studi di Roma 2 Tor Vergate und der Annette von Droste-Gesellschaft (Münster) in Zusammenarbeit mit der Casa di Goethe und dem Goethe-Institut Rom, las die Schauspielerin Katharina Giesbertz unter dem Titel „Sehnsucht in die Fremde“ aus dem Werk der Droste. Den Eröffnungsabend bestritt außerdem Heike Spies, Kustodin des Goethe-Museums Düsseldorf, mit einem Vortrag über „Droste-Hülshoffs und Goethes Blick auf die römische Antike“. Zwei weitere Lesungen schlossen sich im Sommer an: Martin Kämpchen stellte unter dem Titel „Du hast meinen Geist in Brand gesteckt“ die von ihm ins Deutsche übersetzte Lyrik des indischen Dichters Rabindranath Tagore vor, Thomas Lehr las aus seinem 2010 bei Hanser erschienenen Roman „September. Fata Morgana“ und diskutierte mit Ursula Bongaerts vor allem über die Goethe-Bezüge in seinem Buch. Anne Weber stellte ihre Sicht auf Goethes Sohn dar und las aus ihrem bei Fischer erschienenen Buch „August. Ein bürgerliches Puppentrauerspiel“.

Zahlreiche deutschsprachige Veranstaltungen bereicherten das Programm: Unter dem Titel „Stefan Andres in Rom“ stellten der Verleger Thedel von Wallmoden, der Literaturwissenschaftler Michael Braun, der Enkel und Mitherausgeber der neuen Werkausgabe Christopher Andres sowie Prälat Max-Eugen Kemper, der mit Stefan Andres befreundet war, Leben und Werk des deutsch-römischen Schriftstellers vor. Den Spuren von Nelly Sachs im Werk von Ingeborg Bachmann und Paul Celan ging der Geschäftsführer und stellvertretende Verlagsleiter von Suhrkamp Thomas Sparr nach. Der Journalist und Historiker Jobst Knigge referierte über Capri und die Deutschen. In Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für deutsche Sprache (Zweigvereine Rom und Mailand) und dem DAAD (Bonn und Informationszentrum Rom) fand im Goethe-Haus ein Studientag zum Thema „Gesprochenes Deutsch für die Auslandsgermanstik“ statt.

Den Reigen der Veranstaltungen in italienischer Sprache eröffnete eine von Marino Freschi moderierte Diskussionsveranstaltung mit Paolo d´Angelo, Giorgio Piccinini und Massimo Ferrari Zumbini über „Berlino, capitale del XXI secolo“. Der deutschen Hauptstadt war auch der Vortrag „Le confessioni di un italiano innamorato di Berlino“ von Angelo Bolaffi, dem langjährigen Leiter des italienischen Kulturinstituts in Berlin gewidmet. Die neue italienische Übersetzung von Thomas Manns´ „Zauberberg“ - „Montagna magica“ - wurde in einer von Elisabeth Galvan moderierten Diskussionsrunde mit Piero Boitani, Renata Colorni und Luca Crescenzi vorgestellt. Der Dramatiker Lessing war Gegenstand einer Gesprächsrunde mit Paolo Fallai, Marino Freschi und Giorgio Manacorda, Goethes „Iphigenie“ einer von Marino Freschi moderierten Diskussion mit Grazia Pulvirenti und Cesare Lievi, begleitet von einer Lesung mit Emanuela Pistone.

Museumspädagogische Programme für Schüler und Studenten zu den Themen Italienreise, Faust, Farbenlehre wurden über das ganze Jahr durchgeführt. Außerdem war die Casa di Goethe auch außerhalb des eigenen Hauses präsent. Neben den bereits erwähnten Aktivitäten waren dies noch folgende Veranstaltungen: die in der Sculoa normale Superiore in Pisa durchgeführte Internationale Tagung der Deutschen Thomas Mann-Gesellschaft in Lübeck „Thomas Mann und die Künste. Neue Wege der europäischen Forschung“, ein Konzert in der Kirche S. Agnese in Agone, organisiert von der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar im Rahmen der europäischen Liszt-Night-Tour 2011, unterstützt von der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, der Casa di Goethe und dem Deutschen Historischen Institut Rom, und schließlich die Filmvorführung „Faust“ von Aleksander Sokurov (Goldener Löwe Venedig 2011) im Goethe-Institut Rom.

Dass dieses umfangreiche Programm neben der Betreuung der Baumaßnahme durchgeführt werden konnte, verdankt sich der tatkräftigen und bewährten Mitarbeit von Renata Crea, Dorothee Hock, Domenico Matilli und Suzanna Mille. Vor allem ihnen danke ich sehr herzlich wie auch unserem Praktikanten-Team, das uns 2011 unterstützt hat: Anne-Maria Ewen, Stefanie Lenk, Kathrin Ennenbach, Sandra Wochner, Annabel Thiel, Susanne Kuhn, Janina Adamo und Alexander Kusnezow.

Rom, im April 2012

Ursula Bongaerts, Leiterin der Casa di Goethe

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