JAHRESBERICHT                                                                                      

Die Casa di Goethe im Jahr 2008

Die Casa di Goethe, Deutschlands einziges deutsches Museum im Ausland, wurde 1997 in Goethes ehemaliger römischer Wohnung am Corso eröffnet. Träger ist der Arbeitskreis selbständiger Kultur-Institute e.V. – AsKI in Bonn, ein Zusammenschluss von derzeit 35 rechtlich selbständigen bedeutenden Kultureinrichtungen in der Bundesrepublik. Finanziert wird das Haus vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Fünf Wechselausstellungen zeigte die Casa di Goethe 2008 in ihren Räumen. Mit ihrer ersten Ausstellung 2008 präsentierte sie Arbeiten der beiden bildenden Künstlerinnen Anke Becker und Claudia Schmacke, die während ihres Rom-Aufenthaltes als Stipendiatinnen der Casa di Goethe entstanden waren: Auf der Grundlage unzähliger Fotografien schuf Anke Becker mit Zeichnungen und Collagen ein fiktives Panorama der Stadt Rom; ein römischer Brunnen wurde Claudia Schmacke zur unerschöpflichen Bild- und Klangquelle für ihre Videoarbeit „umbilicus“. Die Ausstellung bildete gleichzeitig den Abschluss des Stipendienprogramms, das die Casa di Goethe mit finanzieller Unterstützung der DaimlerChryslerAG zehn Jahre lang durchgeführt hat und in dessen Rahmen insgesamt 24 Stipendiatinnen und Stipendiaten gefördert worden sind.

Die zweite Ausstellung war dem Drucker und Typographen Josua Reichert gewidmet. Der kosmopolitische Typograph Reichert hat sich sein Leben lang mit Texten der Weltliteratur, besonders intensiv aber mit Goethes Werk auseinandergesetzt. Die Ausstellung zeigte neben einer Auswahl seiner Goethe-Drucke auch Arbeiten, die auf Reicherts Liebe zu Italien zurückgehen, darunter seine 2006/2007 entstandenen Drucke mit Gedichten Giuseppe Ungarettis. Zur Ausstellung, die 2009 auch in Malcesine gezeigt werden soll, hat die Casa di Goethe ein Postkartenset mit einem zweisprachigen Begleitheft herausgegeben.

Daran schloss sich die in Kooperation mit dem Winckelmann-Museum in Stendal erarbeitete Ausstellung „Vom Freund gezeichnet – Ein Porträtalbum deutscher Künstler in Rom 1832-1845“ an. Das heute in der Bibliotheca Hertziana aufbewahrte Album umfasst 142 Porträts von Künstlern, die überwiegend in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Rom gelebt haben, und vermittelt in seiner Gesamtheit ein vielschichtiges Bild der Schaffens deutscher Künstler in Rom zur Zeit der Romantik. Die Winckelmann-Gesellschaft hat zur Ausstellung eine umfangreiche Publikation herausgegeben, in der zum ersten Mal sämtliche Porträts des Albums abgebildet und mit ausführlichen Künstlerviten versehen sind. Die Stendaler Ausstellung wurde in Rom in veränderter Form gezeigt; Tamara Hufschmidt und Claudia Nordhoff kuratierten die römische Präsentation, in der neben fünfzig Porträts auch Dokumente zur Gründung des Deutschen Künstlervereins und bildliche Darstellungen der Künstlerfeste in Rom zu sehen waren. Die Casa di Goethe hat dazu eine zweisprachige Publikation herausgeben. Diese Ausstellung fand die größte Presse- und Publikumsresonanz im Jahr 2008.

Zum 80. Geburtstag des international bekannten französischen Fotografen Frank Horvat zeigte die Casa di Goethe aus dem eigenen Sammlungsbestand anschließend Fotografien, die Horvat auf den Spuren Goethes in Sizilien gemacht hat – wie jede Fotoausstellung stieß auch diese Präsentation auf großes Besucherinteresse.

Und schließlich präsentierte die Casa di Goethe unter dem Titel „Italiener in Weimar“ italienische Meisterzeichnungen aus vier Jahrhunderten aus dem Besitz der Klassik Stiftung Weimar. Anlass für die römische Ausstellung war das Erscheinen des Bestandskatalogs der fast 1.000 italienischen Zeichnungen aus der ehemaligen großherzoglichen Sammlung in Weimar, die Goethe mitaufgebaut hat. Ursula Verena Fischer Pace hat in jahrelanger Arbeit diesen überwiegend unpublizierten Bestand bearbeitet und auch die römische Ausstellung kuratiert, mit der viele Blätter an ihren Entstehungsort zurückkehrten und zum ersten Mal gezeigt wurden. Eine zweisprachige Publikation entstand dazu in Zusammenarbeit mit der Klassik Stiftung Weimar.

Ausstellungsbegleitende Veranstaltungen - Vorträge von Claudia Nordhoff und Ursula Verena Fischer Pace und eine von Julian Kliemann (Bibliotheca Hertziana) moderierte Diskussionsrunde über Künstlerfreundschaften in Rom - rundeten das Programm ab.

Das Goethe-Museum Düsseldorf übernahm 2008 die von der Casa di Goethe konzipierte Ausstellung über den Landschafts- und Genremaler Franz Ludwig Catel. In Malcesine am Gardasee, wo die Casa di Goethe seit einigen Jahren regelmäßig jährlich Ausstellungen organisiert, konnte 2008 wegen Renovierungsarbeiten keine Ausstellung gezeigt werden. Stattdessen wurde dort eine in Zusammenarbeit mit der Comune di Malcesine und dem Freien Deutschen Hochstift/Frankfurter Goethe-Museum herausgegebene zweisprachige Publikation „Auf Goethes Spuren in Malcesine“ vorgestellt.

2008 wurden verstärkt italienischsprachige Veranstaltungen durchgeführt und mehr Programme für ein junges Publikum angeboten. Besonders hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang der Faust-Marathon, das Theaterstück „Anvedi Goethe“ und Schülerworkshops zu Goethes West-östlichem Divan .

Anlässlich des 200. Jahrestages der Erstveröffentlichung von Faust I organisierte die Casa di Goethe in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Rom, dem Teatro San Carlino und der Università Roma Tre einen von Renata Crea und Dorothee Hock kuratierten einwöchigen Faust- Marathon. Dazu gehörten eine Kabinettausstellung in der Casa di Goethe mit Marionetten und Puppen aus römischen Privatsammlungen zum Thema „Gute und böse Geister“, eine von Marino Freschi kuratierte internationale Tagung „200 Jahre Faust“, zwei szenische Lesungen „Tutti i nostri Faust“ mit Luciano Romano und Cristina Spina in der Casa di Goethe, eine Film-Reihe zum Faust im Goethe-Institut und eine Aufführung für Kinder „Pulcinella & Belzebù“ im Puppentheater San Carlino. Dem Thema „Zweihundert Jahre Faust I“ war bereits im Februar eine gemeinsam mit der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl organisierte Veranstaltung gewidmet: Manfred Osten sprach über die „Selbstzerstörung des Menschen im Zeichen der Übereilung. Zur Aktualität der Goetheschen Faust-Tragödie für das 21. Jahrhundert“.

Ein besonderer Erfolg war das für die Casa di Goethe konzipierte Theaterstück „Anvedi Goethe“ von Marco Maltauro. Dorothee Hock hat den Kontakt zu Maltauro hergestellt und alle acht Aufführungen in der Casa di Goethe und weitere neun Aufführungen in Norditalien betreut. Das den Leiden des jungen Werther gewidmete Stück für drei Schauspieler mit dem bekannten TV-Komiker Stefano Vigilante begeisterte ein überwiegend junges Publikum und war zugleich eine Einladung zur Lektüre des noch heute aktuellen Goethe-Romans. Einige Deutsch-Lehrer an italienischen Schulen, die die Aufführung in der Casa di Goethe gesehen hatten, organisierten Aufführungen in Trento und Padua; die Deutsch-italienische Vereinigung Ravenna ludt die Schauspieler in ihre Stadt ein; und schließlich wurde das Stück eine Woche lang vor immer ausverkauftem Haus im Theater in Triest gezeigt. „Anvedi Goethe“ war eine gelungene Werbung für die Casa di Goethe, Goethe und die deutsche Literatur, wie die anliegende Presseschau und die Schülerkommentare eindrucksvoll belegen.

Im Rahmen des europäischen Jahres des interkulturellen Dialogs wurde 2008 unter der Federführung der Casa di Goethe und des Goethe-Instituts Rom in Kooperation mit zahlreichen Partnern ein auf einer Idee von Ursula Bongaerts und Alice Herberger basierender Schülerwettbewerb zu Goethes West-östlichem Divan gestartet. In der Casa di Goethe fanden Schülerworkshops statt. Das Ziel, eine intensive Spracharbeit und eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Texten von Goethe zu ermöglichen, wurde sowohl von deutschlernenden italienischen Schülern als auch von Muttersprachlern erreicht. In den Goethe-Instituten Italiens wurden Lehrerfortbildungen organisiert. Das Projekt wird 2009 mit weiteren Schülerworkshops, einem Internet-Wettbewerb und einer abschließenden Ausstellung mit den prämierten Arbeiten fortgesetzt.

Auch weitere Veranstaltungen waren Goethe gewidmet: Hans-Jürgen Schrader referierte über Goethes Wahlverwandtschaften , Michele Cometa, Marino Freschi und Roberto Venuti stellten Gabriella Catalanos Buch über Goethes Idee von Sammlungen vor, eine Tagung des italienischen Umweltforschungsinstituts ISPRA war den geologischen Reflexionen Goethes in seiner Italienischen Reise gewidmet.

Gabriele Busch-Salmen stellte den Musiker und römischen Hausgenossen Goethes Philipp Christoph Kayser vor, Cesare di Seta den Landschaftsmaler und Goethe-Freund Jakob Philipp Hackert. Rüdiger Safranski las aus seinem Erfolgsbuch „Romantik. Eine deutsche Affaire“ und diskutierte seine Thesen mit Matteo Galli, Dieter Richter sprach über den „Vesuv oder Die Botschaft von den Katastrophen“.

Das Deutsche Archäologische Institut war erneut zu Gast in der Casa di Goethe: Aus Anlass des Erscheinens der kommentierten Ausgabe von Winckelmanns Geschichte der Kunst des Alterthums versammelten sich deutsche und italienische Fachgelehrte zu einer lebhaften Diskussionsrund in der Casa di Goethe. Zum 70. Geburtstag von Vanda Perreta, Germanistikprofessorin an der römischen Universität La Sapienza, kamen Germanisten aus ganz Italien und Kollegen aus anderen Fakultäten zu einer Diskussionsrunde über Literatur in der Casa zusammen. Die Casa di Goethe war auch Tagungsort der Gertrud-von-Le-Fort-Gesellschaft, die sich mit dem Italienbild deutscher Dichter von Gregorovius zu Gertrud von le Fort beschäftigte. Und in Zusammenarbeit mit dem Zweigverein Rom der Gesellschaft für deutsche Sprache fand schließlich ein Vortrag des Vorsitzenden der GfdS Rudolf Hoberg über Tabuisierungen und Enttabuisierungen in der deutschen Gegenwartssprache statt.

2008 organisierte die Casa di Goethe zwei Dichter-Lesungen. Der erste Abend war Hans-Joachim Schädlich gewidmet: Katharina Giesbertz, die für den erkrankten Autor kurzfristig einsprang, las aus seiner Erzählung Torniamo a Roma. Winckelmann in Italien . Ein Höhepunkt des umfangreichen Veranstaltungsprogramms war zweifellos eine Lesung mit Martin Walser aus seinem Goethe-Roman Ein liebender Mann .

Die Mitarbeiterinnen der Casa di Goethe hielten Vorträge: Ursula Bongaerts stellte die Casa di Goethe im Theatermuseum Hannover auf Einladung der Goethe-Gesellschaft Hannover und im Winckelmann-Museum in Stendal sowie im Rahmen einer Lektorentagung des DAAD in der Accademia dei Licei in Rom vor; außerdem hielt sie einen Vortrag bei der Eröffnung der Catel-Ausstellung im Goethe-Museum Düsseldorf. Renata Crea sprach in Latina über die Reisebilder Heinrich Heines und in einem zweiten Vortrag über Faust im Kino und den Mephisto von Zabo. Gemeinsam mit Dorothee Hock stellte sie Goethes Italienreise erst den Schülern des Istituto Turismo Colombo in Rom und dann im Rahmen der „Estate Fondana“ im Chiostro di San Domenico in Fondi vor.

Mit wichtigen Neuwerbungen konnte die Casa di Goethe auch 2008 ihre Sammlung weiter ausbauen. Dazu gehören zwei Zeichnungen mit italienischen Landschaften von Jacob Philipp Hackert und Franz Josef Kobell, zwei Rom-Veduten von Giovanni Battista Piranesi und Dokumente zum Deutschen Künstlerverein in Rom. Leihgaben stellten wir für die Catel-Ausstellung in Düsseldorf, für die Hackert-Ausstellung in der Klassik Stiftung Weimar und der Hamburger Kunsthalle sowie für eine Farbenlehre-Ausstellung in Ilmenau zur Verfügung.

Die Realisierung dieses umfangreichen Programms war nur durch die Unterstützung vieler Personen und Institutionen möglich. Ich danke allen Partnern in Deutschland und Italien, ganz besonders dem Vorstand des AsKI und den MitarbeiterInnen der AsKI-Geschäftsstelle sowie dem zuständigen Referat im BKM. Vor allem aber danke ich meinen Mitarbeiterinnen Renata Crea und Dorothee Hock und meinen Mitarbeitern Massimiliano Arangio und Domenico Matilli sowie den Praktikantinnen, die uns 2008 unterstützt haben: Clara Bethge, Susanne Dietz, Klara Hein, Carina Helfers, Mandy Kardinal, Antonia Konrads und Susanne Pyschik.

Ursula Bongaerts, Leiterin der Casa di Goethe

Rom, im März 2009